Es war einmal ... ein Märchen aus Mecklenburg

„Es war einmal …“ – wohl kaum ein Satz weckt so viele Erinnerungen. Sofort entstehen Bilder von verwunschenen Wäldern, mutigen Königskindern und geheimnisvollen Wesen. Doch was viele nicht wissen: Einige dieser Geschichten haben ihren Ursprung näher, als man vermuten würde. Und da in diesem Jahr das Motto des Hummelglühens „Märchenweihnacht“ ist, berichten wir heute über Märchen aus Mecklenburg.  

Wenn in den langen Wintermonaten früher die Feldarbeit ruhte und der Wind um die Reetdächer pfiff, versammelten sich die Familien am warmen Ofen. Dann wurden Geschichten erzählt. Von Fischern, die mit dem Schicksal handelten. Von verwunschenen Bäumen, sprechenden Tieren und tapferen Kindern. Manche dieser Erzählungen verschwanden mit ihren Erzählern. Andere wurden von Generation zu Generation weitergegeben – und einige schafften es schließlich bis in die berühmteste Märchensammlung der Welt.


Dass Mecklenburg dabei eine wichtige Rolle spielte, wissen heute nur noch wenige.  Das Buch „Grimms Märchen aus Mecklenburg-Vorpommern“, herausgegeben von Helmut Borth, nimmt seine Leser mit auf diese faszinierende Spurensuche. Im Vorwort beschreibt der Herausgeber, dass die Brüder Grimm ihre Märchen keineswegs alle selbst sammelten. Vielmehr erreichten sie Erzählungen aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands – darunter zahlreiche Geschichten aus Mecklenburg und Vorpommern.


Besonders bekannt wurde das plattdeutsche Märchen „Von den Fischer un siine Fru“, das der pommersche Maler Philipp Otto Runge niederschrieb. Ebenso stammt „Van den Machandelboom“, der spätere „Wacholderbaum“, aus dem niederdeutschen Sprachraum unserer Region. Auch Gelehrte und Sammler wie Johann Jacob Nathanael Mussäus, Georg Friedrich Fallenstein oder August von Haxthausen trugen dazu bei, dass mecklenburgische Volksmärchen nicht in Vergessenheit gerieten.  Dabei waren Märchen niemals starre Geschichten. Sie wanderten mit den Menschen von Dorf zu Dorf. Jeder Erzähler fügte ein neues Detail hinzu, ließ anderes fort oder schmückte die Handlung aus. So entstanden unzählige Varianten derselben Geschichte – und gerade darin liegt bis heute ihr besonderer Zauber.


Während Sagen oft einen festen Ort kennen, bleiben Märchen zeitlos und grenzenlos. Dennoch tragen sie Spuren ihrer Heimat in sich. Sprache, Landschaften und Figuren verraten, wo sie einst ihren Anfang nahmen. Und vielleicht steckt genau darin die eigentliche Magie: Dass aus den Erzählungen einfacher Menschen Weltliteratur wurde.  Wenn wir heute vom Fischer und seiner Frau lesen, den Wacholderbaum bestaunen oder Brüderchen und Schwesterchen auf ihrem Weg begleiten, begegnen wir nicht nur berühmten Märchenfiguren. Wir begegnen auch einem kleinen Stück Mecklenburg – einem kulturellen Schatz, der weit über die Grenzen unserer Heimat hinaus Menschen seit mehr als zweihundert Jahren verzaubert.
 Und wer weiß? Vielleicht wartet zwischen alten Bauernhäusern, knorrigen Eichen und stillen Waldwegen noch immer die eine oder andere Geschichte darauf, wieder erzählt zu werden.   Katja Rumstich  

Literatur: Helmut Borth (Hrsg.): Grimms Märchen aus Mecklenburg-Vorpommern. Steffen Verlag, 5. Auflage, 2024.
 

Die Sage von der untergegangenen Stadt 
im See von Groß Pankow

Der Sage nach befand sich an der Stelle des Groß Pankower Sees früher eine große und reiche Stadt.

Doch die Menschen dort lebten hochmütig und sündhaft. Bereits einmal hatte ein Prophet die Bewohner gewarnt und sie aufgefordert, ihr Verhalten zu ändern. Damals hörten sie auf ihn und wurden vor dem Untergang bewahrt. Doch nachdem der Prophet gestorben war, verfielen die Menschen wieder ihrem alten Lebenswandel. Schließlich war das Maß voll.

Eines Nachts geschah das Unheil: Die Stadt versank mitsamt ihren Häusern, Straßen und Bewohnern im Erdboden. Nicht Feuer zerstörte sie wie Sodom und nicht Sand wie die sagenhafte Stadt Vineta – vielmehr sank sie einfach in die Tiefe. An ihrer Stelle entstand der heutige See.

Am nächsten Morgen ahnten die Bauern der Umgebung noch nichts von der Katastrophe. Es war der erste Maitag, und viele wollten wie gewöhnlich zur Stadt, um Waren zu verkaufen oder Einkäufe zu erledigen. Dichter Nebel lag über dem Land, dichter als je zuvor. Die Menschen gingen auf den bekannten Wegen voran, bis sie plötzlich vor Wasser standen. Verwirrt versuchten sie zu begreifen, wie dort ein See entstehen konnte, wo doch gestern noch Straßen und Häuser gewesen waren.

Noch unheimlicher war jedoch etwas anderes: Aus dem Nebel und aus der Tiefe des Wassers hörten sie weiterhin die Geräusche der verschwundenen Stadt. Man hörte Wagen über Straßen rumpeln, Peitschen knallen, Tiere schreien und Menschen durcheinanderreden. Dazwischen erklangen die lockenden Stimmen von Frauen. Es klang, als würde das Leben in der versunkenen Stadt einfach weitergehen. Doch niemand konnte mehr dorthin gelangen.

Erst als am nächsten Morgen die Sonne den Nebel vertrieb, erkannte man das ganze Ausmaß des Geschehens. Die Stadt war endgültig verschwunden. Nur der neue See lag still an ihrer Stelle, dessen Wasser jedoch noch lange unruhig rauschte.

Die Sage blieb über viele Generationen erhalten. Immer wieder erzählte man sich, dass aus der Tiefe des Sees manchmal Geräusche der versunkenen Stadt zu hören seien. Besonders nach tausend Jahren, so hieß es, würden sich seltsame Zeichen zeigen.

Im Jahr 1849 lebten die alten Erzählungen nur noch schwach in der Erinnerung der Menschen weiter. Da beschlossen zwei Fischer aus Groß Pankow am ersten Mai morgens zum See zu gehen. Einer von ihnen hatte in der Nacht einen bösen Traum gehabt und wollte lieber zu Hause bleiben, doch schließlich gingen beide trotzdem hinaus.

Schon als sie den See erreichten, erschraken sie zutiefst. Obwohl völlige Windstille herrschte, tobte das Wasser gewaltig. Aus der Tiefe hörten sie Hämmern, Klopfen, Wagenrollen, Musik sowie das Schreien von Menschen und Vieh. Es klang wie das geschäftige Leben einer großen Stadt unter dem Wasser. 
Trotz ihrer Angst warfen die Fischer ihre Netze aus. Sie fingen darin ungewöhnlich viele große Hechte. Einer der Männer jubelte laut über den reichen Fang. Doch plötzlich erklang aus der Tiefe des Sees eine Frauenstimme. Im selben Augenblick sprangen fast alle Fische wieder aus den Netzen zurück ins Wasser. Dann fragte eine Stimme aus der Tiefe: „Sind sie alle?“ Eine andere antwortete: „Nein, einer fehlt noch.“ Kurz darauf sprang auch der letzte Hecht zurück in den See.

Die Fischer wurden von Angst gepackt. Sie liefen ins Dorf zurück und erzählten überall, was sie gesehen und gehört hatten. Viele Menschen eilten daraufhin zum See und hörten tatsächlich noch lange ein geheimnisvolles Brausen und Rauschen aus der Tiefe. Doch am nächsten Tag war alles wieder still. Seit jener Zeit wurde die fast vergessene Sage von der versunkenen Stadt erneut weitererzählt. Katja Rumstich

(Quelle: Albert Niederhöffer: Mecklenburg‘s Volkssagen 2. Band Verlag von Heinrich Hübner, Leipzig 1858) Bilder: KI
 

Cummin – Ein verschwundenes Dorf 
und seine letzte Geschichte

Das Dorf Cummin ist längst aus der Landschaft verschwunden.

Wo es einst lag, lässt sich heute nur noch ungefähr bestimmen. Häuser, Wege, selbst der Standort der damaligen Gastwirtschaft – all das ist verloren gegangen.

Und doch ist Cummin nicht ganz verschwunden.
Denn eine Geschichte ist geblieben.

Früher soll es im Dorf eine Gastwirtschaft gegeben haben, die auch Gäste aus den umliegenden Orten anzog. Besonders in den Wintermonaten traf man sich dort zum Kartenspiel, wenn die Arbeit auf den Feldern ruhte.

Doch der Heimweg war nicht für alle ein einfacher.

Man erzählte sich, dass auf dem Cumminer Weg, in Richtung Siggelkow, ein sogenannter „Aufhocker“ lauerte. Eine unheimliche Gestalt, die plötzlich aus dem Nichts erschien und sich den nächtlichen Heimkehrern auf den Rücken setzte.

Wer ihm begegnete, konnte ihn nicht abschütteln.

Der Aufhocker ließ sich tragen – schwer, wortlos, unsichtbar.

Erst an der eigenen Haustür verschwand er wieder, so plötzlich, wie er gekommen war.

Solche Erzählungen gehören zu den sogenannten Aufhockersagen, die in vielen Regionen bekannt sind. Auffällig ist jedoch, dass sie oft an Orte gebunden sind, die eine besondere Geschichte haben – alte Wege, aufgegebene Siedlungen oder Plätze, an denen früher Leben war.

Cummin passt genau in dieses Bild.

Das Dorf wurde über Jahrhunderte bewohnt, veränderte sich, wurde schließlich aufgegeben und verschwand bis ins 19. Jahrhundert vollständig.

Zurück blieb nur die Feldmark – und vielleicht die Erinnerung an das, was einmal war.

Ob der Aufhocker wirklich existierte, wird sich nicht klären lassen.

Aber vielleicht erzählt die Sage etwas anderes:

Dass Wege, die einmal oft gegangen wurden, nicht einfach leer werden.
Und dass Orte, an denen Menschen lebten, nicht ganz zur Ruhe kommen.

So ist Cummin heute zwar von den Karten verschwunden.
Doch in den Geschichten der Gegend hat es seinen Platz behalten und wir werden in einem der kommenden Moosterboten nochmal mehr zu Cummin und seiner Geschichte erzählen. Katja Rumstich

(Quelle: Burghard Keuthe – Parchimer Sagen Band 1) Bild: KI 

Das Bild zur Aufhocker-Sage wurde KI-generiert.

Mühlenberg – ein Ort, der nie ganz einer war

Mühlenberg zwischen Tessenow und Siggelkow gelegen, war nie ein Dorf im klassischen Sinne. Es gab hier weder eine eigene Kirche noch eine Schule oder einen Bürgermeister. Und doch lebten hier Menschen – über Generationen hinweg.

Entstanden ist Mühlenberg vermutlich an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert aus einem einzelnen Mühlengehöft auf der Feldmark des alten Cummin.

Der Name lässt mehr vermuten, als tatsächlich vorhanden war: Eine Windmühle ist zwar überliefert, doch die Lage im Moostertal erwies sich als ungünstig. Der Wind reichte oft nicht aus, der Betrieb lohnte sich kaum. So blieb Mühlenberg lange ein kleiner, unscheinbarer Ort.

Die Menschen orientierten sich nach außen. Kirchlich gehörten sie zu Groß Pankow, zum Gottesdienst ging man meist nach Siggelkow. Auch geheiratet und beerdigt wurde dort. Mühlenberg war damit weniger ein eigener Ort als vielmehr ein Stück Leben zwischen anderen Orten.

Erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich langsam eine kleine Siedlung. Einige Gebäude entstanden, Tagelöhner und Handwerker fanden hier Arbeit. Später wurde Mühlenberg als Vorwerk von Cummin genutzt, um die umliegenden Flächen besser bewirtschaften zu können. Doch auch diese Phase hielt nicht dauerhaft.

Im 20. Jahrhundert kam es noch einmal zu einem Neuanfang: In den 1930er Jahren wurde das Gebiet im Zuge der Siedlungspolitik neu aufgeteilt. Es entstanden mehrere Siedlerstellen, Höfe wurden aufgebaut, und für eine Zeit kehrte wieder Leben nach Mühlenberg zurück. Selbst Strom und Infrastruktur hielten Einzug.

Aber auch dieser Aufschwung war nicht von Dauer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderten sich die Bedingungen grundlegend. Viele der kleinen Betriebe konnten wirtschaftlich nicht bestehen. Familien verließen ihre Höfe, Gebäude wurden aufgegeben oder abgetragen.

Ende der 1950er Jahre war Mühlenberg schließlich aufgegeben, auch wenn ich mich aus meiner Kindheit in den 1980er Jahren noch an letzte stehende Grundmauern erinnere.

Heute erinnert kaum noch etwas an den Ort. Nur ein moderner Stallkomplex in der Nähe gelegen trägt noch den Namen „Mühlenberg“ und verweist damit auf eine Vergangenheit, die im Gelände selbst kaum noch sichtbar ist.

Vielleicht liegt genau darin das Besondere dieses Ortes: Mühlenberg war nie ein Zentrum.
 Nie ein Ort mit klaren Grenzen oder fester Bedeutung.

Und doch war es über lange Zeit ein Lebensort für Menschen, die hier arbeiteten, Familien gründeten und ihren Alltag hatten. 
Katja Rumstich

Die "Schlacht am Treptow" – Streit um Heide und Grenzen
 

Im Winter des Jahres 1865 wurde die sonst so stille Mooster plötzlich zum Schauplatz eines handfesten Konflikts, der bis heute in der Region als „Schlacht am Treptower See“ bekannt ist – auch wenn es sich streng genommen nicht um eine Schlacht im militärischen Sinne handelte.

Der Hintergrund war ein langjähriger Streit um die Nutzung der Moosterflächen. Das Gebiet war damals ein Grenzraum zwischen Mecklenburg und Preußen, und die Besitzverhältnisse waren unklar. Besonders die Nutzung der Heideflächen sorgte immer wieder für Konflikte zwischen den umliegenden Dörfern.

Im Winter 1865 zogen mehrere Männer aus Marnitz in die Mooster, um Heidekraut zu schneiden, das als Streu für Vieh genutzt wurde.

Plötzlich tauchten etwa 50 Männer aus dem damals preußischen Redlin auf – bewaffnet mit Knüppeln, Spaten und sogar Flinten. Ohne lange Diskussion griffen sie ein, nahmen den Marnitzern die bereits geschnittene Heide und ihre Äxte ab. Der Redliner Schulze (laut Kirchenbuch Johann CAMIN) machte unmissverständlich klar, dass sein Dorf es nicht dulden werde, wenn in der Mooster Heide gehackt werde. Die Begründung war ebenso einfach wie existenziell: Auf den trockenen Flächen wachse kaum etwas anderes. Würde die Heide entfernt, wäre die Schafweide verdorben.

Die Marnitzer hatten gegen diese Übermacht keine Chance. Sie zogen sich zurück, kündigten aber an, am Montag mit Verstärkung zurückzukehren.

Die Lage spitzte sich zu. Der Lübzer Amtshauptmann reagierte und schickte zwei Gendarmen aus Parchim nach Marnitz, um die mecklenburgischen Bauern zu schützen. Gleichzeitig wurden die Marnitzer und auch die Männer aus Groß Pankow angewiesen, sich am Montagmorgen um 9 Uhr auf der wüsten Feldmark einzufinden.

Als dieser Tag kam, standen sich zwei Gruppen gegenüber, die bereit waren, ihre Ansprüche notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Mit Mistgabeln, Harken und Äxten ausgerüstet, zogen die Marnitzer und Groß Pankower in die Mooster. Auch die Redliner waren wieder erschienen – ebenfalls nicht unvorbereitet und begleitet von einem preußischen Gendarmen.

Die Situation war explosiv. Alles deutete darauf hin, dass es zu einer blutigen Auseinandersetzung kommen würde.

Doch im entscheidenden Moment griffen die Gendarmen ein. Ihre Präsenz wirkte. Gegen die Staatsgewalt wollte letztlich niemand offen antreten – zumal den Beamten ausdrücklich erlaubt worden war, im Notfall von der Schusswaffe Gebrauch zu machen und Rädelsführer festzunehmen.
Es kam zu keiner Schlacht, stattdessen wurde die Rückgabe der Äxte vermittelt.
Der preußische Gendarm zog sich dann angesichts der Übermacht zurück, und auch die Redliner gaben schließlich nach. Der Streit löste sich – überraschend friedlich.

In den folgenden Tagen nutzten die Dorfbewohner die Flächen dann gemeinsam und friedlich – ein deutlicher Gegensatz zur vorherigen Konfrontation.

Die „Schlacht am Treptower See“ die die Grenzverhandlungen wieder in die Gänge brachte, zeigt, wie existenziell die Nutzung von Land damals war. Es ging nicht um Macht im großen politischen Sinne, sondern um ganz praktische Dinge: Streu für das Vieh, Futtergrundlagen und damit letztlich um das Überleben der Höfe.

Nur wenige Jahre später, 1868, wurde die Grenze zwischen Mecklenburg und Preußen dann festgelegt und bestand so bis zur Verwaltungsreform 1952.

Der Zukunftsverein Siggelkow stellt in den kommenden Tagen und Wochen an verschiedenen geschichtlich und landschaftlich bedeutsamen Orten der Region Informationsstelen mit QR-Codes auf. Auch am Treptower See wird eine solche Stele errichtet.

Über die QR-Codes können Besucher weiterführende Informationen, historische Hintergründe, Bilder und Geschichten zu den jeweiligen Orten abrufen und die Region auf eigene Faust erkunden.

So wird die Geschichte der Moosterlandschaft, des ehemaligen Feldflugplatzes und vieler weiterer Besonderheiten rund um Siggelkow lebendig und direkt vor Ort erlebbar. Katja Rumstich

(Quelle: „Die Mooster“ von Walter Dahnke und Willi Zachow, erschienen in Heimatkundliche Beiträge für die Hand des Lehrers –III.Teil, Parchim 1956) Bild: KI

Ein Stein zeigt den Weg – Der Wegweiser von Klein Pankow

Es ist nur ein Stein am Wegesrand – und doch führt er weit zurück.

In Klein Pankow wurde ein historischer Wegweiserstein mit der eingemeißelten Aufschrift „Stepenitz“ gefunden.

Solche Steine waren früher ein fester Bestandteil der Infrastruktur. Sie markierten Wege, gaben Orientierung und verbanden Orte miteinander – lange bevor es moderne Straßennetze oder Beschilderungen gab. 
Besonders im 18. und 19. Jahrhundert wurden Verkehrswege systematischer ausgebaut und mit solchen Richtungssteinen versehen.

Der Hinweis „Stepenitz“ ist dabei alles andere als zufällig.

Der Ort Stepenitz wurde bereits im Jahr 1246 urkundlich erwähnt und liegt am gleichnamigen Fluss, der die Landschaft der Prignitz prägt und schließlich in die Elbe mündet. Diese Flusslandschaft bildete über Jahrhunderte eine wichtige Lebens- und Wirtschaftsgrundlage – mit Wiesen, Feuchtgebieten und nutzbaren Auenflächen.

Von besonderer Bedeutung war Stepenitz durch das nahegelegene Kloster Marienfließ. Dieses wurde bereits 1231 von Johann Gans zu Putlitz gegründet und gilt als das älteste Zisterzienserinnenkloster der Prignitz. Die Gründung diente nicht nur religiösen Zwecken: In einer Zeit, in der die Region noch Grenzgebiet war, sollte das Kloster auch den Einfluss der Mark Brandenburg gegenüber Mecklenburg sichern.

Im Laufe des Mittelalters entwickelte sich das Kloster Marienfließ zu einem bedeutenden Grundherrn mit umfangreichem Landbesitz und zahlreichen abhängigen Dörfern. Zugleich war es ein Versorgungsort für Töchter des Adels, die hier in klösterlicher Gemeinschaft lebten. Die erhaltene Klosterkirche stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert und ist bis heute das zentrale Zeugnis dieser Zeit.

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert wurde das Kloster in ein evangelisches Damenstift umgewandelt, blieb jedoch weiterhin ein wichtiger sozialer und wirtschaftlicher Faktor in der Region. Auch nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges bestand die Anlage fort und wurde wieder genutzt.

All diese Verbindungen spiegeln sich in den Wegen der Landschaft wider. Der Weg, auf den der Stein in Klein Pankow verweist, war vermutlich Teil eines solchen Netzes: genutzt von Bauern, Handwerkern, Fuhrleuten oder Kirchgängern. Wege führten zu Märkten, zu kirchlichen Zentren wie Marienfließ, zu Arbeitsplätzen und zu den Menschen, mit denen man verbunden war. 
Der alte Weg nach Stepenitz ging aus Redlin kommend kurz vor Klein Pankow nach rechts weg.

Dass dieser Wegweiserstein nun wieder aufgestellt werden soll, ist daher mehr als eine Erinnerung an alte Verkehrswege. Er macht sichtbar, wie eng die Orte der Region miteinander verflochten waren – lange bevor moderne Karten diese Verbindungen festhielten.

Der Stein zeigt nach Stepenitz - und zugleich auf eine Zeit, in der Wege das Rückgrat des Lebens waren.
 

Die Mooster – ein Name erzählt Geschichte

Südlich von Parchim an der Grenze zu Brandenburg liegt die „Mooster“ – eine weite, ruhige Landschaft, geprägt von Wiesen, Feldern und stillen Niederungen. Entstanden ist dieses Gebiet bereits in der Eiszeit, als Gletscher das Land formten und ein flaches Moor

zurückließen, das später entwässert und landwirtschaftlich genutzt wurde. Noch heute erinnert der Moosterbach an diesen Ursprung.

Doch die eigentliche Geschichte der Mooster liegt in ihrem Namen.

Dieser geht nicht – wie oft angenommen – direkt auf das Moor zurück, sondern auf ein längst verschwundenes Dorf: Damoster oder Demoster. Ein wichtiger Hinweis darauf findet sich bereits 1717 in einem Vermessungsregister. Dort wird bei Redelin eine „wüste Feldmark, Damoster genannt“ erwähnt – ein klarer Beleg dafür, dass hier einst ein Dorf existiert haben muss, das zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen war.

Urkundlich fassbar wird Damoster zudem 1492, als Besitzverhältnisse in der Region bestätigt wurden. Danach verliert sich seine Spur, und das Dorf dürfte nicht lange Zeit später untergegangen sein.

Der Name selbst ist slawischen Ursprungs. Der Bestandteil „dam“ oder „dabu“ steht für die Eiche, während „most“ „Brücke“ bedeutet. „Damoster“ lässt sich daher ungefähr als „Ort an der Eichenbrücke“ oder „Brücke an den Eichen“ deuten – ein Hinweis auf eine frühere Übergangsstelle in der Landschaft.

Im Laufe der Zeit wandelte sich der Name mehrfach. Schon 1726 hatte sich im Volksmund die Form „Demoster“ etabliert. In amtlichen Schreibweisen taucht „Damoster“ noch bis 1828 auf. Parallel dazu entwickelte sich im Plattdeutschen die Bezeichnung „De Mooster“, aus der schließlich die heutige hochdeutsche Form „Die Mooster“ entstand. Dabei geriet die ursprüngliche Bedeutung allmählich in Vergessenheit und der Name wurde zunehmend mit dem Moor selbst verbunden.

Vom Dorf Damoster sind heute nur noch indirekte Spuren vorhanden: Auf den Feldern finden sich Scherben mittelalterlicher Keramik und vereinzelt Mauerreste im Boden. Sie markieren die Stelle einer Siedlung, die längst verschwunden ist, aber im Namen weiterlebt.

Auch die spätere Geschichte der Mooster ist bewegt. Über lange Zeit verlief hier eine unklare Grenze zwischen Mecklenburg und Brandenburg beziehungsweise Preußen. Verhandlungen zur Grenzregelung begannen um 1820 und zogen sich über Jahrzehnte hin. Erst 1868 wurde die Grenze endgültig festgelegt.

Ein bekanntes Ereignis aus dieser Zeit ist die sogenannte „Schlacht am Treptow“ im Jahr 1865, bei der es beinahe zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Dorfbewohnern kam – ausgelöst durch Streit um die Nutzung der Moosterflächen. Hierzu erzähle ich gern in einem nächsten Beitrag etwas.

Mit der Verwaltungsreform von 1952 wurde die historische Zersplitterung schließlich beendet: Das gesamte Gebiet der Mooster gehört seither einheitlich zu Mecklenburg.

So wirkt die Mooster heute ruhig und selbstverständlich. Doch ihr Name bewahrt die Erinnerung an ein verschwundenes Dorf, an slawische Siedler und an eine bewegte Grenzgeschichte.

Die Mooster ist damit nicht nur ein Stück Landschaft – sondern ein stilles Gedächtnis der Region. Katja Rumstich

(Quelle: „Die Mooster“ von Walter Dahnke und Willi Zachow, erschienen in Heimatkundliche Beiträge

für die Hand des Lehrers – Band III, Parchim 1956)

Wenn die Landmesser als Irrlichter wiederkehren

Wenn die Landmesser als Irrlichter wiederkehren

Wer früher nachts über einsame Feldwege, durch feuchte Wiesen oder an einem Moor entlangging, konnte manchmal merkwürdige Lichter sehen. Kleine Flammen schienen über dem Boden zu schweben, verschwanden plötzlich und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Heute nennen wir sie Irrlichter. Früher erzählte man sich ganz andere Geschichten darüber.

Eine besonders schöne Überlieferung stammt aus Mecklenburg. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm nahmen sie in ihre „Deutschen Sagen“ auf. Als Herkunft vermerkten sie lediglich: „Mündlich, aus Meckelnburg.“ Die Sage trägt den Titel „Die verwünschten Landmesser“.

Danach waren die Irrlichter, die man nachts an Ufern und Feldrainen umherziehen sah, einst Menschen gewesen – und zwar Landmesser.

Sie hatten zu Lebzeiten beim Vermessen der Grundstücke betrogen und Grenzen falsch festgelegt. Nach ihrem Tod fanden sie keine Ruhe. Zur Strafe mussten sie als Irrlichter an eben jenen Orten umgehen, an denen sie sich schuldig gemacht hatten.

Für die Menschen auf dem Land waren Grundstücksgrenzen von großer Bedeutung. Ein verschobener Grenzstein oder eine falsch gezogene Grenze konnte darüber entscheiden, wem ein Stück Acker, eine Wiese oder ein Waldstück gehörte. Wer daran manipulierte, konnte einem anderen einen Teil seiner Lebensgrundlage nehmen.

Dass die betrügerischen Landmesser nach ihrem Tod ausgerechnet an den Grenzen herumgeistern mussten, folgt einer alten Vorstellung von Gerechtigkeit: Wer zu Lebzeiten eine Grenze verfälschte, blieb nach dem Tod an sie gebunden.

Gab es Irrlichter wirklich?
Berichte über geheimnisvolle Leuchterscheinungen über Mooren und sumpfigen Flächen gibt es seit Jahrhunderten. Wie solche Erscheinungen genau entstehen, ist komplizierter, als die frühere einfache Erklärung durch „Moorgase“ vermuten lässt. Verschiedene chemische und elektrische Prozesse werden dafür diskutiert.

Für Menschen früherer Jahrhunderte war das ohnehin zweitrangig. Wer nachts ohne elektrische Beleuchtung unterwegs war und plötzlich ein Licht über einer feuchten Wiese schweben sah, suchte nach einer Erklärung.

Und die mecklenburgische Antwort war in diesem Fall herrlich eindeutig:
Da draußen leuchtet kein gewöhnliches Licht. Da muss wohl wieder ein unehrlicher Landmesser seine Runde drehen.

Vielleicht sollte man also auch heute bei einer Grundstücksvermessung lieber ganz genau arbeiten. Man weiß schließlich nie, wie lange die Nachtschicht sonst dauert. Katja Rumstich

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen, Zweiter Teil, Berlin 1818 [die Sammlung erschien in zwei Bänden 1816/1818], Sage Nr. 284 „Die verwünschten Landmesser“, Herkunftsangabe „Mündlich, aus Meckelnburg“.

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